Ein Spaziergang durch Rheinfelden mit Blick in die Höhe
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Mit Stadtführer Kurt J. Rosenthaler unterwegs – von Wirtshausschild zu Wirtshausschild.
Es ist Freitag kurz vor Mittag und ich bin mit dem Rheinfelder Stadtführer Kurt J. Rosenthaler verabredet. Unser Treffpunkt ist beim «Adler» am Obertorplatz und wir planen gemeinsam eine ganz spezielle «Beizentour».
Der Stadtführer nennt diesen Teil der Altstadt auch «Bermudadreieck», weil es hier auf relativ wenigen Quadratmetern früher sieben Beizen gab: Adler, Löwen, Schlüssel, Hasenburg, Engel, Kranz und Warteck. Von all diesen ist heute noch der «Löwen» in Betrieb.
Generell hat sich die Zahl der Restaurants in den letzten Jahrzehnten sehr stark minimiert. Kurt J. Rosenthaler schätzt, dass es früher in der Altstadt rund zwanzig Beizen, plus zehn weitere ein bisschen ausserhalb gab.
Historische Wirtshausschilder
Bei unserer «Beizentour» konzentrieren wir uns auf die Wirtshausschilder. «Wirtshausschilder hat man bis zur Gründung der Schweiz 1848 gemacht», sagt der Stadtführer. Die Aufgabe eines Wirtshausschildes war selbstverständlich zu zeigen, wo sich eine Gaststätte befindet. Durch das jeweilige Motiv identifizierte es zudem die spezifische Gaststätte. Historisch gesehen war es auch ein Zeichen der behördlichen Erlaubnis zum Betrieb einer Taverne.
Wir studieren zuerst das Wirtshausschild beim «Adler». Wie Kurt J. Rosenthaler erzählt, gehörten der «Adler», die «Sonne» und das «Schiff» zu den «kaiserlichen» Gaststätten. Das heisst, sie wurden tatsächlich vom Kaiser besucht.
Das Wirtshausschild des «Adler» zeigt den Doppeladler mit den vier kaiserlichen Symbolen aus Gold: Krone, Reichsapfel, Zepter und Reichsschwert.
Der Doppeladler war ein wichtiges Symbol zur Zeit der Habsburger, unter deren Einfluss und Herrschaft Rheinfelden von 1330 bis 1802 stand.
Auf dem Wirtshausschild sehen wir zudem das Rheinfelder Wappen. Wie in der Neuen Fricktaler Zeitung zu lesen war, wurde das Schild vor knapp zehn Jahren durch eine Kirchenmalerin und Restauratorin aufwendig wiederhergestellt, weil es in einem schlechten Zustand war und drohte, hinunterzufallen.
Unsere Tour führt uns weiter zum Löwen, das einzige Restaurant in diesem ursprünglichen «Bermudadreieck», welches heute noch geöffnet ist.
Auch dieses Haus hat eine lange und traditionsreiche Geschichte.
Die Liegenschaft wurde anscheinend 1463 erstmals erwähnt, und das Gasthaus diente schon vor Jahrhunderten als Treffpunkt für Reisende, Einheimische und Kaufleute.
Nachdem wir das schöne goldene Schild des Löwen fotografiert haben, kommen wir schon bald zum «Schlüssel». Auch hier hängt das entsprechende vergoldete Symbol vor dem Wirtshaus.
Wir kommen beim goldenen Posthorn des heutigen Restaurant Pizzeria Post vorbei. An der Fassade des Hauses fällt uns zudem der österreichische Reichsadler sowie das Rheinfelder Wappen und das Wappen des damaligen Kantons Fricktal (Lindenblatt) auf.
Unser Spaziergang führt uns zur ehemaligen «Brasserie zum Salmen», wo wir einen Salm im Braustern im Wirtshausschild fotografieren. Dazu erklärt Kurt J. Rosenthaler:
«Der Fisch heisst als Speisefisch Salm und nicht Lachs und gehörte früher in Rheinfelden auf jede Speisekarte.»
Das Haus zur Sonne
Wir gehen ein paar Meter weiter und stossen auf ein Wirtshausschild mit einer goldenen Sonne. Im «Haus zur Sonne» befindet sich heute das Fricktaler Museum.
Wir kommen zum «Feldschlösschen am Rhein».
Dieses kunstvolle, mit Blattgold verzierte Wirtshausschild und sein Ausleger wurden erst vor wenigen Monaten wiederhergestellt, wie die Neue Fricktaler Zeitung berichtete.
Auch die Fassade des Hauses mit dem Feldschlösschen sowie dem Rheinfelder Wappen und dem Fassadenstuck sind eindrücklich.
Wieder auf der anderen Strassenseite der Marktgasse entdecken wir ein Wirtshausschild mit einem Blumenstrauss im Rokokostil. «Einem ‹Maien›, wie wir Rheinfelder sagen», betont Kurt J. Rosenthaler. Es war vor fünf Jahren, als dieses Wirtshausschild des ehemaligen Restaurants «Zum Maien», später bekannt als «Blume» oder «Blüemli» restauriert wurde.
Das Gasthaus, das bis ins Jahr 2000 als Restaurant in Betrieb war, wurde 1446 zum ersten Mal erwähnt.
Nachdem wir in der Marktgasse viele Wirtshausschilder besprochen und fotografiert haben, machen wir einen Abstecher in die Brodlaube. Dort finden wir das Rössli-Wirtshausschild: Ein Reiter, der in ein Posthorn bläst, auf einem weissen Pferd. In den 1850er-Jahren war das Restaurant Rössli eine Haltestelle für Pferdepost-Wagen, wodurch es vermutlich seinen Namen erhielt.
Das letzte Wirtshausschild, das wir auf unserem Spaziergang betrachten, ist dasjenige des Restaurants Engel: ein nicht dreidimensionaler Engel aus vergoldetem Blech. Wie Kurt J. Rosenthaler erklärt, befand sich in diesem Haus von 1864 bis 1896 das erste Armensolbad von Rheinfelden und Vorgänger des späteren Solbad-Sanatoriums, gegründet vom Bäderarzt Hermann Keller. «Es gab hier 15 Badewannen für 60 Gäste», führt der Stadtführer aus.
Ursprünglich ging Kurt J. Rosenthaler davon aus, dass unsere spezielle Wirtshausschilder-Führung zirka eine halbe Stunde dauern würde. Schliesslich waren wir über zwei Stunden unterwegs. Zwei spannende Stunden, in welchen ich viel über das Städtli, die Wirtshäuser und deren Schilder gelernt habe.
Vielleicht hat Sie, liebe Leserin und Leser, dieser Blog inspiriert, auch einmal mit einem speziellen Blick auf die Wirtshausschilder durchs Städtli zu gehen?
Janine Tschopp ist Freie Journalistin. Sie schreibt unter anderem regelmässig für die Neue Fricktaler Zeitung, das Kulturmagazin «2x Rheinfelden» und das Rheinfelder Weihnachtsmagazin.
Häuser, die Geschichte(n) erzählen
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